Wo Kinder fliegen lernen - der Circus Bely gastiert in Freistett
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Bildnachweis: © Andreas Peter Geng [apg]
Ein Familienzirkus in der neunten Generation kämpft um sein Publikum, liebt seine Tiere und zeigt, dass Kindheit auch im Jahr 2026 noch nach Sägespänen und Popcorn riechen darf
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Christalina Noraja ist sechs Jahre alt. Sie steht auf dem Arm ihres Vaters, hoch über der Manege, und macht einen einarmigen Handstand. Sumisha Amalia, neun Jahre, turnt in einer Höhe, bei der manchem Erwachsenen schwindelig wird. Maddox Louis, zehn, jongliert vier Keulen und spielt anschliessend den Clown, als hätte er nie etwas anderes getan. Was sich nach einer Zirkusdynastie aus einer fernen Epoche anhört, findet gerade jetzt statt, auf dem Festplatz am Friedrich-Stephan-Stadion in Rheinau-Freistett. Noch bis einschliesslich Sonntag, 6. September.
23.08.2026, Rheinau-Freistett, apg. Es gibt Orte, an denen die Zeit anders läuft. Die Manege des Circus Bely ist ein solcher Ort. Hier zählt nicht, wie viele „Follower“ jemand hat, sondern ob der Salto sitzt. Hier wird nicht gestreamt, sondern gestaunt. Und hier wachsen Kinder in eine Welt hinein, in der Disziplin, Körperbeherrschung und Mut zum Alltag gehören, lange bevor sie ein Smartphone in die Hand nehmen.
Der Circus Bely ist ein Familienbetrieb in der neunten Generation. 15 Allroundtalente, wie die Chefin es nennt, bestreiten das gesamte zweistündige Programm, vom Auf- und Abbau des Zeltes über die Tierpflege bis zur Galavorstellung am Abend. Die Chefin, das ist die Frau, die zwischen Popcornstand und Manege pendelt, die Kasse macht, die Tiere füttert und zwischendurch ihre Enkelkinder auf die Bühne schickt. Vier Kinder hat sie, vier Schwiegerkinder, fünf Enkelkinder. Und einen Mann, der den Rest erledigt. „Wir bestreiten alles selber“, sagt sie. Keine Untertreibung, sondern Realität.
Neunte Generation - was das bedeutet
Der Name Circus Bely wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Tradition, mitgenommen, mitgenommen, mitgenommen, so beschreibt es die Chefin. Was sich nach einer lakonischen Antwort anhört, birgt eine Geschichte, die weit über die Ortenau hinausreicht. Seit 2023 steht die Zirkuskultur in Deutschland offiziell im Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, anerkannt von der Kultusministerkonferenz. Familienzirkusse wie der Circus Bely sind die letzten Träger dieser Tradition. Und sie verschwinden. Der WDR titelte im Mai 2026: „Zwischen Rekordshows und Existenzkampf.“ Während grosse Namen wie Roncalli und Krone boomen, kämpfen die kleinen Familienbetriebe ums Überleben.
„Wir bestreiten alles selber.“
Der Circus Bely kennt diesen Kampf. Im Mai 2026 brannte in Karlsruhe-Knielingen die wichtigste Zugmaschine des Zirkus aus. 100.000 Euro Sachschaden, zwei Personen erlitten eine Rauchgasvergiftung. Die Badischen Neuesten Nachrichten titelten: „Familie bangt um ihre Existenz.“ Der Zirkus machte weiter. Was sollte er auch sonst tun?
800 Euro am Tag - nur für Futter und Strom
Die Zahlen, die man im Gespräch mit der Familie erfährt, machen nachdenklich. Über 800 Euro täglich an reinen Betriebskosten. Drei grosse Rundrollen Heu jeden Tag, zweieinhalb Zentner Quetschhafer, 40 Kilogramm Hundefutter, zwei Zentner Mohrrüben. Der Heupreis ist wegen der anhaltenden Hitze und des ausgebliebenen zweiten Schnitts um mindestens 70 Prozent gestiegen. Die Landwirte vor Ort haben oft nichts mehr übrig, also muss der Zirkus beim Futterhändler einkaufen, zu deutlich höheren Preisen. In den fünf Wintermonaten von November bis März hat der Circus Bely keinerlei Einnahmen. Die Tiere fressen trotzdem.
Und genau hier liegt die Krux: Der Circus Bely reist mit über 80 Grosstieren durch Deutschland. Das ist sein Markenzeichen, sein Stolz, und gleichzeitig sein grösstes finanzielles Risiko. Die Tierschau, die in der Pause für fünf Euro besucht werden kann, zeigt eine Vielfalt, die man andernorts vergeblich sucht: sibirische und mongolische Steppenkamele (laut eigener Angabe die grösste Herde, die in einem europäischen Zirkus mitgeführt wird), Pferde, Lamas, Alpakas, Guanakos, Vikunjas, Berg- und Wanderziegen, Zwergziegen, Miniponys aus Argentinien, ostafrikanische Watusi-Rinder und sogar sprechende Papageien aus dem Amazonasgebiet. Kostenloses Pferdereiten gibt es obendrauf.
Zwei Stars haben eigene Biografien verdient. Marschall, ein Schwarzwälder Kaltblut, ist 36 Jahre alt, das älteste Zirkuspferd Europas, wie der Zirkus betont. Als mutterloses Fohlen mit der Flasche grossgezogen, hat er ein Alter erreicht, das die übliche Lebenserwartung seiner Rasse um sechs bis acht Jahre übersteigt. Und dann ist da Pumuckl: ein Lilliputaner-Alpaka, fünf Jahre alt, nur 40 Zentimeter gross, mit roter Wolle auf dem Kopf. Wenn man ihn ruft, kommt er angerannt. Er lässt sich füttern und streicheln.
Tiere im Zirkus - die andere Seite der Debatte
Es ist das Thema, das Familienzirkusse wie den Circus Bely am meisten belastet. Nicht die Hitze, nicht die Spritkosten, nicht die leeren Ränge an Werktagen, sondern die pauschale Verurteilung durch Teile der Tierschutzbewegung. 2024 trat ein Teilverbot für die Neuanschaffung bestimmter Wildtiere in Zirkussen in Kraft: Elefanten, Affen, Bären und Grosskatzen dürfen nicht mehr neu hinzukommen. Der Circus Bely besitzt solche Tiere nicht. Seine Tiere sind domestizierte Haus- und Nutztiere: Pferde, Ponys, Kamele, Alpakas, Ziegen, Rinder, Hunde, Papageien. Tiere, wie sie auf jedem Reiterhof, jeder Alpakafarm und in manchem Garten stehen.
„Unsere Tierhaltung ist ausgezeichnet“, betont die Chefin. „Auch hier wieder in Rheinau - mit der Note 1 für vorzügliche und beste Tierhaltung.“ Das Veterinäramt kontrolliert an jedem Standort. Die Ergebnisse sind öffentlich. Wer sich ein eigenes Bild machen will, ist ausdrücklich eingeladen, die Tierschau zu besuchen und hinter die Kulissen zu schauen. „Schauen Sie, wo die Tiere leben, wo sie untergebracht sind, wo sie nachtsüber schlafen“, heisst es in der Ansage. „Machen Sie sich einmal Ihr eigenes Bild.“
Was die Debatte so schwierig macht: Die Kritik trifft oft pauschal. Wer im Internet „Tiere im Zirkus“ sucht, findet Bilder von Elefanten in Ketten und Grosskatzen in engen Käfigen. Das hat mit dem Circus Bely nichts zu tun. Aber die Stimmung, die durch solche Bilder entsteht, schadet auch ihm. Die Leute denken, Zirkus mit Tieren sei grundsätzlich schlecht. Das beschreibt das Problem: weniger Zuschauer, weniger Einnahmen, mehr Sorge um die Zukunft. Dabei könnte man den Spiess auch umdrehen: Wo sonst wachsen Kinder so nah an Tieren auf? Wo sonst lernen Sechsjährige, einem 30-Zentner-Kamelbullen die Stirn zu kraulen?
Die Manege als Klassenzimmer
Was die Kinder des Circus Bely können, würde manchem Sportverein die Sprache verschlagen. Christalina Noraja, sechs Jahre alt, zeigt den einarmigen Handstand, auf dem ausgestreckten Arm ihres Vaters. Sumisha Amalia, neun, turnt umwerfend grazil in einer Nummer, die der Ansager als „Artistik in höchster Vollendung“ ankündigt. Maddox Louis, zehn, jongliert Bälle, Ringe und Keulen, spielt den Clown mit einem Timing, das Bühnenerfahrung verrät, und moderiert dazwischen Publikumsinteraktionen mit einer Souveränität, die beeindruckt. Diana Petrova, Schwiegertochter der Chefin, zeigt Ringakrobatik und eine Papageien-Dressur mit den grossen Aras. Die Truppe Frankordie-Bely reitet im Galopp stehend auf den Pferden.
Das ist keine Kinderarbeit. Das ist Aufwachsen in einer Welt, in der Können zählt, in der man hinfällt und weitermacht, in der der Applaus die Belohnung ist. Maddox jongliert vier Keulen, zwei fallen runter, er hebt sie auf und macht weiter. Die Kinder lernen etwas, das kein Lehrplan vorsieht: Resilienz vor Publikum.
Und dann gibt es da noch die ganz Kleinen. Eine Dreijährige rennt mit blauer Strumpfhose und Handtasche durchs Publikum, die Schwester macht Rückwärts-Flic-Flacs in Serie und geht in den Spagat. Das Publikum hält den Atem an. Die Zirkusfamilie lächelt. Der Nachwuchs ist gesichert.
Warum man hingehen sollte
Der Circus Bely gastiert noch bis einschliesslich Sonntag, 6. September, in Rheinau-Freistett am Friedrich-Stephan-Stadion. Vorstellungen finden täglich um 16 Uhr statt, sonntags bereits um 14 Uhr. Montag und Dienstag sind Ruhetage. An Aktionstagen gibt es besondere Angebote: Mittwoch und Donnerstag kosten alle Plätze 15 Euro (Loge 20 Euro), freitags bekommt ein zahlendes Kind freien Eintritt pro zahlendem Erwachsenen, und an Samstagen und Sonntagen zahlen Erwachsene Kinderpreise. Reguläre Preise: Rang 20 Euro (Kinder 15 Euro), Sperrsitz 25 Euro (Kinder 20 Euro), Loge 30 Euro (Kinder 25 Euro).
In der Pause öffnet die Tierschau mit kostenlosem Pferdereiten, Alpaka-Gehege zum Anfassen und Selfies mit dem neugeborenen Kamelbaby. Tickets und Informationen unter der Hotline 01727292093 oder auf www.circusbely.de.
Es gibt Kindheitserinnerungen, die man nicht kaufen kann. Der Geruch von frischem Popcorn unter einem Zirkuszelt gehört dazu. Das Staunen, wenn eine Sechsjährige auf einem Arm steht. Das Lachen, wenn der Clown sich selbst mit dem Luftballon-Pfeil erschiesst. Der Moment, wenn Pumuckl mit seiner roten Wolle angelaufen kommt und sich füttern lässt. Das sind Erinnerungen, die bleiben. Man muss nur hingehen.
„Wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, zehn Tage Karibik oder zehn Tage mit euch, ich würde euch vermissen“, sagte der Ansager am Ende der Vorstellung zum Publikum. Es war Spass, wirkte aber doch ernst gemeint. Wer an diesem Nachmittag in Freistett dabei war, weiss das.
Jeder glaubt, voller Romantik sei unser Leben. Jeder glaubt, dass wir nach Geld und Reichtum streben. Aber keiner weiss, dass uns nur Kampf und Fleiss weitergebracht haben. Das Lied, das zum Finale gespielt wurde, sagt alles.
Circus Bely in Rheinau-Freistett - alle Infos auf einen Blick
| Spielort | Festplatz am Friedrich-Stephan-Stadion, Rheinau-Freistett |
| Spielzeit | Freitag, 21. August, bis Sonntag, 6. September 2026 |
| Vorstellungen | täglich 16 Uhr, sonntags 14 Uhr. Montag und Dienstag Ruhetage. |
| Dauer | Rund 2 Stunden inkl. Pause mit Tierschau |
| Eintrittspreise | Rang 20 Euro (Kinder 15 Euro), Sperrsitz 25 Euro (Kinder 20 Euro), Loge 30 Euro (Kinder 25 Euro) |
| Aktionspreise | Mittwoch + Donnerstag alle Plätze 15 Euro (Loge 20 Euro). Freitag: 1 zahlendes Kind gratis pro zahlendem Erwachsenen. Samstag + Sonntag Familientag: Erwachsene zahlen Kinderpreise. |
| Tierschau | 5 Euro Eintritt, kostenloses Pferdereiten für Kinder, Alpaka-Gehege zum Anfassen |
| Tickets und Informationen | Telefon 01727292093 | www.circusbely.de |
Häufige Fragen zum Circus Bely (FAQ)
Was erwartet mich beim Circus Bely?
Ein zweistündiges Live-Programm mit Akrobatik, Jockey-Reiterei, Jonglage, Clownerie, Tuchartistik, Tierdressur und Papageien-Show. 15 Artistinnen und Artisten aus einer Familie in der neunten Generation bestreiten das gesamte Programm. In der Pause öffnet die Tierschau mit über 80 Grosstieren.
Welche Tiere zeigt der Circus Bely?
Der Circus Bely reist mit über 80 Grosstieren: sibirische und mongolische Steppenkamele, Pferde, Lamas, Alpakas, Guanakos, Vikunjas, Berg- und Wanderziegen, Zwergziegen, Miniponys, Watusi-Rinder, Aras und sprechende Papageien. Es sind ausschliesslich domestizierte Haus- und Nutztiere. Wildtiere wie Elefanten, Löwen oder Bären gehören nicht zum Programm.
Wie werden die Tiere gehalten?
Das Veterinäramt kontrolliert an jedem Gastspielort. Der Circus Bely wurde nach eigenen Angaben mit der Note 1 für vorzügliche Tierhaltung ausgezeichnet. Besucher können sich in der Tierschau selbst ein Bild machen.
Ist der Circus Bely für kleine Kinder geeignet?
Ja. Das Programm richtet sich ausdrücklich an Familien. Kostenloses Pferdereiten für Kinder, ein Alpaka-Gehege zum Anfassen und die Begegnung mit dem Lilliputaner-Alpaka „Pumuckl“ (40 Zentimeter gross, rote Wolle) machen den Besuch auch für die Kleinsten zu einem Erlebnis.
Gibt es Ermässigungen oder Familienangebote?
Ja. Mittwoch und Donnerstag kosten alle Plätze 15 Euro (Loge 20 Euro). Freitags erhält ein Kind freien Eintritt pro zahlendem Erwachsenen. An Samstagen und Sonntagen zahlen Erwachsene Kinderpreise (Familientag).
Wo kann ich Tickets kaufen?
Tickets gibt es an der Zirkuskasse vor Ort, telefonisch unter 01727292093 oder online über www.circusbely.de.
Wie lange gastiert der Circus Bely in Rheinau-Freistett?
Bis einschliesslich Sonntag, 6. September 2026. Vorstellungen täglich um 16 Uhr, sonntags um 14 Uhr. Montag und Dienstag sind Ruhetage.
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