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von Regio Ortenau
24. August 2026
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19 Jahre ohne einen Cent Lohn - warum Petrea Reinhardt trotzdem jeden Tag in den Tafelladen geht

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Bildnachweis: © Caritasverband / Michaela Gabriel

Eine 76-jährige Achernerin rechnet im Kopf, organisiert 70 Helfer und denkt noch lange nicht ans Aufhören, doch der Tafelladen sucht dringend Verstärkung

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Ein Bund Radieschen für 20 Cent, ein ganzer Korb Lebensmittel für fünf Euro, und eine Frau, die seit fast zwei Jahrzehnten alles zusammenhält. Der Tafelladen in Achern hat vor gut einem Jahr seinen 20. Geburtstag gefeiert. Ohne Ehrenamtliche wie Petrea Reinhardt gäbe es ihn nicht. Doch wer folgt nach?

Petrea Reinhardt im Tafelladen Achern: Die 76-Jährige arbeitet seit 19 Jahren ehrenamtlich, hier zwischen Regalen und Kühlschränken, wo sie an der Kasse jeden Preis im Kopf zusammenrechnet.

05.08.2026, Achern, apg. Petrea Reinhardt steht hinter der Kasse des Tafelladens in der Rosenstrasse in Achern und rechnet. Im Kopf. Stundenlang. Denn im Tafelladen gibt es keine Strichcodes zum Scannen, keine Kasse, die piept. Jeder Preis muss einzeln addiert werden, und am Ende stimmt die Summe. „Das war schon immer so“, sagt die 76-Jährige. „Und es funktioniert.“

Was wie ein Detail klingt, sagt viel über den Charakter dieses Ladens und der Frau, die ihn mitträgt. Seit 19 Jahren arbeitet Petrea Reinhardt ehrenamtlich im Tafelladen des Caritasverbandes Vordere Ortenau. Drei- bis viermal pro Woche kommt sie, vier bis acht Stunden pro Einsatz. Ganz ohne Bezahlung. Seit zwölf Jahren ist die ehemalige Apotheken-Assistentin, die einst halbtags in der Apotheke am Rathaus arbeitete, in Rente. Doch sie arbeitet fast so viel wie früher, nur eben nicht mehr für ein Gehalt.

Angefangen hat alles vor fast 20 Jahren, als die engagierte Achernerin Ilse Schäfer sie fragte, ob sie nicht hin und wieder mithelfen möchte. Reinhardt und andere Frauen, die damals bereits in den Illenau Werkstätten mit anpackten, sagten zu. „Mit einem Nachmittag pro Woche habe ich angefangen“, erinnert sie sich. „Während des Verkaufs habe ich am Kühlschrank gestanden. Damals war ich noch berufstätig, hatte vier Kinder und einen Hund.“ Aus dem einen Nachmittag wurden zwei, drei, vier. Heute ist sie kaum noch wegzudenken.

Vormittags sitzt Reinhardt im Büro des Tafelladens. Sie teilt die Helferinnen und Helfer ein, organisiert Ersatz, wenn jemand kurzfristig absagen muss, und hält den Laden am Laufen. „Und manchmal zupfe ich die Pflanzen aus, weil mir das auch Freude macht“, sagt sie und lacht. Die Arbeit mache sie gerne, die Stimmung im Team sei super, und es sei schön, unter Leuten zu sein.

70 Ehrenamtliche, ein gemeinsames Ziel

Mehr als 70 Acherner gehören zum Team des Tafelladens und geben, jeder am für ihn passenden Platz, der Gesellschaft etwas zurück. Das Team ist so bunt wie die Stadt selbst: Neben Deutschen arbeiten auch Russlanddeutsche sowie Helfer aus Italien, Syrien und der Ukraine mit. „Unser aller Anliegen ist es, dass die übriggebliebene Ware aus den Supermärkten ordentlich aussieht“, sagt Reinhardt. Was im Handel nicht mehr verkauft wird, bekommt hier eine zweite Chance, und landet bei Menschen, die es brauchen.

Die Kundschaft des Tafelladens ist noch vielfältiger als das Team. Menschen aus Afghanistan, der Türkei und vielen anderen Ländern kaufen hier ein, daneben Rentner, chronisch Kranke und alleinerziehende Mütter. „Es gibt wirklich arme Menschen“, sagt die 76-Jährige. Jede Woche kommen an zwei Verkaufsnachmittagen rund 200 Kundinnen und Kunden. Was sie günstig einkaufen, trägt zur Versorgung von bis zu 850 Kindern und Erwachsenen bei.

„Es gibt wirklich arme Menschen.“

Ein Netzwerk, das Deutschland zusammenhält

Die Tafel Achern ist Teil eines bundesweiten Netzwerks. 960 Tafeln gibt es in Deutschland, getragen von rund 77.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Doch die Nachfrage übersteigt vielerorts das Angebot. Im Dezember 2025 berichtete Die ZEIT, dass trotz steigender Helferzahlen nicht alle Bedürftigen versorgt werden könnten. Dass der Tafelladen in Achern seit 20 Jahren funktioniert (im Juli 2025 wurde der runde Geburtstag im Hof der Illenau-Werkstätten gefeiert), ist keine Selbstverständlichkeit.

„Viele unserer Ehrenamtlichen sind schon zwischen 75 und 80 Jahren alt und schon lange dabei“, sagt Nicole Koller, die hauptamtlich für den Tafelladen verantwortlich ist. „Ich verliere sie gar nicht gern, und doch verstehe ich, wenn sie irgendwann kürzertreten wollen.“ Die Frage, die sie umtreibt: Wer könnte nachfolgen?

Petrea Reinhardt vor dem Eingang des Tafelladens in der Rosenstrasse in Achern. Das Motto der Tafeln steht auf der Scheibe: „Lebensmittel retten. Menschen helfen.“

Ein Fahrer wird dringend gesucht

Das Thema Nachfolge ist konkret. Klaus Tolle, 79 Jahre alt, fährt seit vielen Jahren die Supermärkte der Region ab und holt dort Lebensmittel für den Tafelladen ab. Auch er würde gern kürzertreten. Und auch Petrea Reinhardt weiss, dass ihre Nachfolge irgendwann geregelt werden muss. „Wer mich ablöst, sollte kommunikativ sein“, wünscht sie sich. Denn Organisation, Teamführung und der tägliche Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen verlangen genau das.

Doch an Aufhören denkt Reinhardt noch nicht. „Es ist eine sinnvolle Tätigkeit“, sagt sie. „Und es braucht dafür viele Menschen mit verschiedenen Stärken und Talenten.“ Auch wenn ihre vier Kinder alle längst flügge seien, habe sie immer noch ein grosses Haus mit Garten, und eine Aufgabe, die sie erfüllt.

„Dafür sind wir und die Kundschaft sehr dankbar“, sagt Nicole Koller.

Wer sich vorstellen kann, als Fahrer neu einzusteigen oder Petrea Reinhardt im Tafelladen zu entlasten, meldet sich bei Nicole Koller unter Telefon 07841 6214-42 oder per E-Mail an koller@caritasvorort.de. Der Tafelladen befindet sich in der Rosenstrasse 18 in Achern und wird vom Caritasverband Vordere Ortenau e.V. betrieben. Jede Hilfe zählt, und sei es nur ein Nachmittag pro Woche.

Tafelladen Achern - Kontakt und Mitmachen

Adresse Rosenstrasse 18, 77855 Achern
Träger Caritasverband Vordere Ortenau e.V.
Ansprechpartnerin Nicole Koller
Telefon 07841 6214-42
E-Mail koller@caritasvorort.de
Gesucht werden › ein Fahrer für die Lebensmittelabholung bei Supermärkten
› Ehrenamtliche zur Entlastung im Laden und in der Organisation

Quelle: Pressemitteilung Caritasverband Vordere Ortenau e.V.

#RegioFokus 19 Jahre Caritas

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