Die Welt mitgestalten: Ein Gespräch mit Ruth Dilles
- 23 Feb 2026
Die Welt mitgestalten: Ein Gespräch mit Ruth Dilles
- 23 Feb 2026
- Regio Ortenau

Bild: Ruth Dille mit ehemann Andreas
#RegioGespräch, Montag, 16.02.2026. apg. Kehl am Rhein. Am Rosenmontag, während anderswo die Narren regieren, führe ich ein Gespräch, das mich tief beeindruckt. Ruth Dilles nimmt sich Zeit für unser Gespräch – trotz eines randvollen Terminkalenders, der jeden Kulturmanager einer Großstadt vor Neid erblassen ließe. Wir kennen uns, wir duzen uns, und genau das macht dieses Gespräch so wertvoll: Es ist kein formelles Interview, sondern ein ehrlicher Austausch zwischen zwei Menschen, die beide an die Kraft der Kultur glauben. Ruth ist Intendantin des Theater der zwei Ufer in Kehl, Kommunalpolitikerin und – das wird im Laufe unseres Gesprächs immer deutlicher – eine Frau, die mit unermüdlichem Einsatz das kulturelle Leben der Ortenau bereichert.
Werte Leserin, werter Leser: Nehmen Sie sich Zeit für dieses Porträt. Und dann besuchen Sie das Theater im Kehler Hafen. Es ist ein Juwel, das Ruth Dilles mit Herzblut, Ausdauer und einer gehörigen Portion Idealismus zum Leuchten bringt.
Ruth Dilles, Intendantin des Theater der zwei Ufer in Kehl, Kreisrätin und leidenschaftliche Brückenbauerin zwischen Kulturen, Generationen und Meinungen – ein Porträt einer Frau, die seit Jahrzehnten unermüdlich für die Kultur kämpft und dabei nie den Menschen aus dem Blick verliert.
Theater als Herzensangelegenheit
Wer Ruth Dilles fragt, wer sie sei, bekommt keine trockene Berufsbezeichnung. „Theater und Kultur sind eine Herzensangelegenheit", sagt sie mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs. „Mein Grundthema war immer, die Welt mitzugestalten, in der ich lebe." Diese Haltung spürt man in jedem Satz. Die 64-Jährige ist keine, die sich zurücklehnt. Sie ist eine Macherin, eine Gestalterin, eine Frau, die Gemeinschaft stiften will – und das seit Jahrzehnten mit einer Energie, die ihresgleichen sucht.
Das Theater der zwei Ufer, das sie als Intendantin und künstlerische Leiterin führt, ist dabei ihr wichtigstes Werkzeug. „Mir geht es sehr darum, Gemeinschaft zu bilden", erklärt sie. Wer das Programm kennt, versteht sofort, was sie meint: Von klassischen Theaterstücken über heilsames Singen bis zu politischen Diskussionsabenden unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen" – die Bandbreite ist so vielfältig wie das Leben selbst. Ruth Dilles hat hier etwas geschaffen, das weit über das hinausgeht, was man von einem freien Theater in einer Kleinstadt erwarten würde. Es ist ein kulturelles Zentrum, ein Ort der Begegnung, ein Raum für alle, die mehr suchen als bloße Unterhaltung.
Ein Programm, das seinesgleichen sucht
„Ich glaube, wir sind sehr einzigartig", sagt Ruth mit einem Hauch von Stolz, der ihr absolut zusteht. Und tatsächlich: Wer das Programm des Theater der zwei Ufer durchblättert, findet Formate, die es so in der gesamten Ortenau kein zweites Mal gibt. Da wäre die Reihe „Der Erde ein Fest", in der Umweltthemen kritisch und jenseits des Mainstreams beleuchtet werden. Da sind die Rituale im Jahreskreis - zu den Rauhnächten, zur Walpurgisnacht, zur Sommersonnenwende -, die Ruth gemeinsam mit der Märchenerzählerin Katrin Bamberg gestaltet. Und da ist das heilsame Singen, das sie zusammen mit Rita Heid anbietet: „Da kommen in der Regel Frauen und wir haben einfach ein Stündchen, wo wir gemeinsam singen. Lieder für die Seele."
Erst am vergangenen Samstag, einen Tag vor unserem Gespräch, war das Haus wieder ausverkauft. Ein Valentinstagabend mit hochkarätigen Künstlern: Lilia Dornhof, eine „phänomenal gute Sopranistin" aus Straßburg, Patrick Labiche, ein Tenor, der in der Region bestens bekannt ist, und natürlich Andreas Dilles, Ruths Ehemann, der „einiges musikalisch auf dem Kasten hat", wie sie augenzwinkernd verrät. Anmeldungen kamen aus dem ganzen Umland – aus dem Kinzigtal, aus Lahr, aus Oberkirch, bis aus Achern. „Und viele Straßburger waren auch da", ergänzt sie. Dass ein kleines Theater im Kehler Hafen ein solches Einzugsgebiet hat, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahrelanger, unermüdlicher Arbeit.
Großprojekte, die städtische Theater nicht stemmen können
Was Ruth Dilles und ihr Team in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt haben, verdient höchsten Respekt. Die Dreigroschenoper mit Orchester, Solisten und großem Ensemble. My Fair Lady in der Offenburger Reithalle. Produktionen, die in ihrer Qualität und ihrem Anspruch weit über das hinausgehen, was man von einem freien Theater erwarten würde. „Das sind Dinge, die selbst städtische Theater oft nicht leisten können", sagt sie – und das ist keine Übertreibung.
Das Geheimnis? Die enge Zusammenarbeit mit dem Kehler Kammerorchester, das grenzüberschreitend agiert und Musiker bis hin von der Straßburger Philharmonie in seinen Reihen hat. „Wir können wirklich an Qualität etwas bringen, was für viele gar nicht möglich ist, wenngleich sie es wollen würden", erklärt Ruth. Das ist keine Prahlerei, das sind schlicht Tatsachen. Und hinter diesen Tatsachen stecken unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit, nächtliche Proben, Verhandlungen mit Förderern und die ständige Sorge, wie das nächste Projekt finanziert werden kann. Ruth Dilles trägt diese Last mit einer Leichtigkeit, die beeindruckt.
Die Wurzeln einer Theatermacherin
Um zu verstehen, woher diese unbändige Schaffenskraft kommt, muss man einen Blick in Ruth Dilles' Kindheit werfen. Aufgewachsen ist sie in Griesheim bei Offenburg, auf einem alten, ausgedienten Bauernhof mit riesigen Gärten und Gebäuden. „Da hatte ich überall meine Plätze, wo ich irgendwas gestaltet habe", erinnert sie sich. Kleine Welten hat sie erschaffen, ob in der Pfütze hinten im Grasgarten oder auf der Streuobstwiese. „Ich habe überall etwas gesehen und habe das gestaltet. Am liebsten allein, aber auch mit anderen zusammen."
Schon im Kindergarten hat sie andere Kinder animiert, kleine Szenen zu spielen und darzustellen. „Das ist mir buchstäblich in die Wiege gelegt", sagt sie. Die Grundschule besuchte sie in Griesheim, später die Erich Kästner- Realschule in Offenburg. Der Weg zur Bühne war jedoch kein gerader. Ruth war lange alleinerziehende Mutter und hat erst mit 30 Jahren ihren beruflichen Neustart gewagt: ein Schauspielstudium in Freiburg und parallel dazu die Ausbildung zur Religionslehrerin für katholische Religion. Dass sie heute dort steht, wo sie steht, ist das Ergebnis von Mut, Ausdauer und dem unbeirrbaren Glauben an die eigene Vision.
Von der Bühne in den Gemeinderat
Dass Ruth heute nicht nur Intendantin, sondern auch Kommunalpolitikerin ist, verdankt sich einer Krise, die viele Menschen politisiert hat: Corona. „Ich war früher eigentlich politisch aktiver, als ich sehr jung war – Atomkraftbewegung, Friedensbewegung", erzählt sie. Dann hatte sie sich auf das Theatermachen konzentriert. Doch die Pandemie hat etwas in ihr geweckt. Heute sitzt sie im Gemeinderat der Stadt Kehl und ist zusätzlich Kreisrätin.
Wichtig ist ihr dabei: Sie ist parteilos. „Ich werde mich keiner Partei anschließen", betont sie. Dass sie in der CDU-Fraktion sitzt, verdankt sie dem Fraktionsvorsitzenden Heinz Rith, der ihren kritischen Geist erkannt und sie eingeladen hat. „Das hat mich beeindruckt, dass er da so unerschrocken ist", sagt sie. Ihr politisches Credo? „Ich glaube an keine Parteien. Ich glaube an das Engagement von Menschen." In einer Zeit der politischen Polarisierung ist das eine erfrischend unabhängige Haltung.
Ein Mäzen und viele Unterstützer
Dass das Theater der zwei Ufer überhaupt existieren kann, verdankt es einem besonderen Menschen: Gerd Gaster, dem Inhaber der Spedition Eurotransit, dem das Gebäude im Kehler Hafen gehört. „Er unterstützt uns immer wieder bei manchen Projekten", erzählt Ruth. „Wir müssen ganz wenig Miete bezahlen, und das steht in keinem Verhältnis zu dem, was er uns bietet." Mehr noch: Wenn ihn ein Projekt besonders begeistert, greift er auch finanziell unter die Arme. „Er ist wirklich unser Mäzen", sagt sie dankbar.
Daneben gibt es Unterstützung von der Stadt Kehl, dem Kulturbüro, der Sparkasse und verschiedenen Stiftungen – gerade wenn es um Erinnerungskultur geht, ein Thema, das Ruth besonders am Herzen liegt. Die Verfolgung und der Holocaust an Juden, Sinti und Roma sind regelmäßig Gegenstand ihrer Arbeit. Doch die Kulturförderung ist keine Selbstverständlichkeit. „Wie das in ein paar Jahren aussieht, wird man noch sehen", sagt Ruth nachdenklich. Sie weiß: Kultur steht bei Haushaltskürzungen immer ganz oben auf der Streichliste. Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie sie nicht müde werden, für ihren Wert zu kämpfen.
Aktuell: Ein leidenschaftlicher Appell für den Frieden
Das aktuelle Großprojekt des Theaters passt in die Zeit wie kaum ein anderes: „Lysistrata" von Aristophanes, das berühmte Antikriegsstück aus der Antike. „Das ist unser leidenschaftlicher Appell für Frieden", sagt Ruth. In einer Welt, in der Konflikte eskalieren und der Ton rauer wird, setzt sie ein Zeichen – mit den Mitteln der Kunst. Auch dafür hat sie Förderer gefunden: Die Sparkasse und das Kulturbüro Kehl unterstützen das Projekt. Es sind solche Produktionen, die zeigen, wie relevant Theater auch im 21. Jahrhundert sein kann.
Von „Theo & die Feuerlilien" bis heute
Ruth Dilles' künstlerischer Weg ist gepflastert mit Meilensteinen. Zusammen mit ihrem Mann Andreas gründete sie 2002 das Musikkabarett „Theo & die Feuerlilien", das 2004 den Kleinkunstpreis in Stuttgart gewann. „Damit sind wir auf jeden Fall in ganz Baden-Württemberg getingelt, aber auch darüber hinaus in Frankfurt und ich weiß nicht, wo wir überall waren", erinnert sie sich. 2013 war dann Schluss – Abschiedsvorstellung im Salmen in Offenburg. „Es hat dann auch gereicht, war dann einfach gut." Davor gab es bereits „Die Kapriziösen", eine in der Ortenauer Kulturszene beliebte Formation.
Diese Erfahrungen haben sie geprägt. Sie weiß, was es bedeutet, auf Tournee zu gehen, vor unterschiedlichstem Publikum zu spielen, sich immer wieder neu zu erfinden. Dieses Wissen fließt heute in ihre Arbeit als Intendantin ein. Sie kennt beide Seiten: die Bühne und den Schreibtisch, das Rampenlicht und die stille Arbeit im Hintergrund.
Privat: Igel, Hühner und ein gutes Glas Rotwein
Wer glaubt, Ruth sei nur Intendantin und Politikerin, kennt sie nicht ganz. Sie ist naturverbunden, tierlieb und engagiert sich regelmäßig für die Igelhilfe. „Ich päpple immer wieder Igel auf", erzählt sie. Zu Hause warten Katzen, Hühner und ein Hund auf sie. „Die brauchen auch Zeit. Aber das gibt auch was."
Seit 2025 ist sie pensioniert – zumindest was ihren früheren Beruf als Religionslehrerin betrifft – und hofft nun, endlich wieder mehr wandern zu können. „Das hat in der letzten Zeit doch ein wenig gelitten", gibt sie zu. Ansonsten? Lesen – gerade philosophische Bücher, aktuell besonders die Werke von Simone Weil, der französischen Philosophin und Mystikerin, die sie sehr inspiriert. Theater- und Opernbesuche. Museen. Und natürlich: „Essen gehen und Rotwein trinken. Das ist auch eine Leidenschaft." Der Lebensgenuss gehört für sie dazu – als Ausgleich zu einem Alltag, der oft bis weit nach Mitternacht reicht.
Heimat ist, wo das Herz schlägt
Was bedeutet Heimat für Ruth? „Familie, Freunde, mein Mann, meine Tiere, mein Refugio", antwortet sie ohne Zögern. Aber auch die Region: der Schwarzwald, die Vogesen, Straßburg, Freiburg. „Ich bin dieser Region wirklich sehr verbunden. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, woanders zu leben." Sie lacht: „Ich bin da echt oldschool. Ganz verwurzelt."
Diese Verwurzelung ist keine Enge. Im Gegenteil: Gerade weil Ruth so fest in ihrer Heimat verankert ist, kann sie Brücken bauen – nach Frankreich, zu Menschen unterschiedlichster Herkunft, zwischen Generationen. Das Theater der zwei Ufer trägt diese Philosophie schon im Namen.
Ein Herzenswunsch an die Ortenau
Am Ende unseres Gesprächs frage ich Ruth nach ihrem größten Wunsch. Ihre Antwort kommt prompt und aus tiefstem Herzen: „Dass die Spaltung aufhört. Dass die Menschen wieder miteinander reden und gegenseitig ihre andere Meinung zulassen." Sie ist überzeugt: „Das ist die Basis jeden friedlichen Zusammenlebens – dass man die Offenheit hat, dass jemand was sagen darf, was mir vielleicht nicht schmeckt."
Grenzen zieht sie dort, wo es menschenfeindlich wird, wo Hass und Pauschalanschuldigungen beginnen. Aber innerhalb dieses breiten Spektrums? Da wünscht sie sich mehr Toleranz, mehr Gespräch, mehr Miteinander. Es ist ein Wunsch, der in diesen Zeiten aktueller kaum sein könnte. Und es ist ein Wunsch, den Ruth Dilles nicht nur ausspricht, sondern täglich lebt – auf der Bühne, im Gemeinderat und im ganz normalen Alltag einer Frau, die nie aufhört, an das Gute im Menschen zu glauben.
Was bleibt nach diesem Gespräch? Der tiefe Respekt vor einer Frau, die seit Jahrzehnten für die Kultur kämpft – oft gegen Widerstände, immer mit Herzblut. Ruth Dilles ist keine, die sich auf Lorbeeren ausruht. Sie ist eine, die weitermacht, weil sie nicht anders kann. Weil Theater für sie kein Beruf ist, sondern eine Berufung. Die Ortenau kann sich glücklich schätzen, solche Menschen zu haben.
Unsere Empfehlung: Besuchen Sie das Theater der zwei Ufer im Kehler Hafen. Ob Theaterstück, Konzert, Märchenabend oder politische Diskussion – hier finden Sie Kultur, die berührt, verbindet und zum Nachdenken anregt. Das aktuelle Programm finden Sie unter www.theater-der-zwei-ufer.de.
Unsere Frage an Sie: Was bedeutet für Sie Gemeinschaft? Wo erleben Sie in der Ortenau Orte der Begegnung, die Menschen zusammenbringen? Schreiben Sie uns Ihre Gedanken an redaktion@regio-ortenau.de – wir freuen uns auf den Austausch!



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